—Sie ist nicht da. Sie ist mit Rogelio zum Markt gegangen.
—Deine Mutter?
-Schlafend.
Daniel schaute hinein. Das Zimmer war dunkel, obwohl es fast Mittag war. Es gab kein Spielzeug, keine Bücher, nichts, was zwei Kindern zu gehören schien.
—Gehst du nicht mehr zur Schule, Hugo?
Der Junge zuckte mit den Achseln.
—Früher bin ich hingegangen. Jetzt muss ich mich um das Haus kümmern.
Daniel verspürte Wut, aber er behielt seine Stimme ruhig.
—Was passiert, wenn Valentina weint?
Hugo senkte den Blick.
—Er mag es nicht.
—¿A Rogelio?
Der Junge nickte.
—Manchmal greift er nach dem Gürtel. Er sagt, so lerne er.
Der Satz traf Daniel wie ein Schlag. Er hinterließ seine Telefonnummer auf einem Schulflyer und ging am darauffolgenden Montag direkt zum Jugendamt, mit der Zeichnung des Stuhls, seinen Notizen und Hugos Worten.
Die Sozialarbeiterin hörte sich alles an, machte sich Notizen und seufzte dann.
—Ich verstehe Ihre Bedenken, Lehrerin, aber aus juristischer Sicht benötigen wir mehr Beweise.
—Und noch mehr? Ein sechsjähriges Mädchen kann nicht sitzen und ihr Bruder redet von einem Gürtel.
—Ohne ärztliche Untersuchung, ohne Anzeige der Mutter, ohne direkte Zeugenaussage…
Daniel schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
—Worauf wartest du also noch? Darauf, dass es kaputt ankommt?
Die Frau senkte den Blick.
An diesem Nachmittag sprach Daniel mit Leticia, der Schulpsychologin. Sie beschlossen, einen geschützten Raum für Valentina einzurichten. Kein Druck. Keine Fragen. Nur Papier, Buntstifte und ein Aufnahmegerät, mit der Erklärung, dass es dazu dienen sollte, sich an das Gesagte zu erinnern.
Valentina betrat das Büro mit kleinen Schritten.
„Hier könnt ihr zeichnen oder euch unterhalten, ganz wie ihr wollt“, sagte Leticia.
Das Mädchen nahm einen blauen Stift. Einige Minuten lang zeichnete sie einfach Linien auf das Papier. Dann murmelte sie:
—Wenn Rogelio wütend wird, schickt er mich in die Ecke.
Daniel atmete langsam.
—Und was macht er, wenn er richtig wütend wird?
Valentina umklammerte den Bleistift.
—Er schreit mich an. Er befiehlt mir, den Mund zu halten. Manchmal benutzt er seinen Gürtel.
Leticia unterbrach sie nicht.
—Schlägt er dich auch dann, wenn du nichts tust?
Das Mädchen blickte müde auf.
—Er schlägt mich sogar, wenn ich still bin.
Die Stille im Büro war unerträglich.
Mit dieser Aufnahme, dem psychologischen Gutachten und den Notizen der Lehrerin beantragten sie erneut eine Intervention. Doch während dieses Prozesses kehrte Valentina eines Dienstags trotz der Hitze in einem Pullover zurück. Sie ging langsam, als ob ihr jede Bewegung Schmerzen bereitete.
In der Pause, als er sich bückte, um einen Stift aufzuheben, rutschte sein Pullover etwas hoch. Daniel sah lange, violette Flecken auf seinem Rücken.
Er zögerte keine Sekunde.
—Hier spricht Daniel Martínez von der Benito-Juárez-Grundschule. Es ist wieder Valentina Ríos. Sie weist nun sichtbare Spuren eines Angriffs auf. Ich benötige dringend einen Streifenwagen und eine ärztliche Untersuchung.
Diesmal handelten sie. Der Beamte, der schon einmal dort gewesen war, kehrte mit ernster Miene zurück.
—Jetzt haben wir alles, was wir brauchen.
Valentina wurde ins medizinische Zentrum gebracht. Sie kehrte in dieser Nacht nicht nach Hause zurück. Das DIF (Nationales System für die ganzheitliche Familienentwicklung) erließ eine dringende Schutzanordnung, und sie wurde in ein Kinderheim gebracht.
Als Daniel sie am nächsten Tag besuchte, fand er sie im Lesesaal sitzend vor, ihr Notizbuch fest umklammernd. Er brachte ihr Buntstifte, leere Blätter Papier und ein Bilderbuch mit.
“Weiß er, dass ich hier bin?”, fragte sie.
Daniel hockte sich vor sie.
—Er kann dir hier nichts anhaben.
—Sie sagte, wenn ich etwas sagen würde, würde meine Mutter verschwinden.
Daniel spürte einen Kloß im Hals.
—Du hast nichts falsch gemacht, Valentina. Gar nichts.